Bericht vom Coworking Barcamp in Wuppertal am 09.07.2011

Coworking BarcampDas 1. Coworking Barcamp in Wuppertal warf  bereits lange vor dem Stattfinden seine Schatten voraus und rückblickend kann ich sagen, dass ich die Veranstaltung für sehr gelungen halte. Die einzelnen Sessions waren sehr informativ und haben  verschiedene neue Aspekte und Informationen zum Thema Coworking vermitteln können. Ich beginne mit einer kurzen Beschreibung der Sessions, an denen ich teilgenommen habe.

1. Open Innovation
In diesem Workshop ging es um das Thema Open Innovation anhand der Online-Anwendung der Schweizer Firma yutongo. Generell geht es darum, Probleme und Fragestellungen in Fragmente zu zerlegen und in einem gestalteten Prozess zu umfassenden  Ergebnissen zu den einzelnen Fragmenten zu gelangen. Anschließend werden neue Ideen durch die Kombination der Ergebnisse erzeugt. yutongo bietet die Gestaltung dieses Prozesses sowohl mit Hilfe der Online-Anwendung als auch live im Rahmen von entsprechenden Sitzungen und Training an.  Ziel ist es auch, dass online verschiedenste Menschen aus unterschiedlichsten Branchen, Kulturen und Ländern akquiriert werden, die dann online an der Ideenfindung für Auftraggeber beteiligt werden. Dazu ist eine Registrierung notwendig, die Teilnahme an einer sog. Challenge wird jeweils mit einem kleineren Geldbetrag entlohnt.

Leider funktionierte das WLAN im Seminarraum nur lückenhaft, so dass wir den Prozess an Beispielen mit Hilfe von  Zetteln improvisiert durchführten. Geschäftsführer Sandro Morghen und seine Assistentin sorgten mit einer guten Mischung aus Elan und Witz dafür, dass alle Anwensenden die Funktionsweise des Prinzips und der Software trotz der Netzwerkprobleme nachvollziehen konnten.

2. Cobot Coworking-Software
Die Coworking-Software Cobot ist den meisten Coworkern aus der alltäglichen Nutzung in den Coworking Spaces bereits bestens vertraut. Entwickler Alex stellte zunächst die Software mit ihren bestehenden Funktionen (Accounts, Tickets, Reporting, Buchungskalender etc.) kurz vor und erläuterte, dass Cobot nun danach strebt, zusätzliche Funktionen durch Apps zu implementieren und auch eine Verknüpfung mit anderen Diensten wie Eventbrite, Liquidspace, campfire, hallenprojekt und anderen beabsichtigt. Dabei stellte er auch die Programmierschnittstgelle (API) von Cobot vor, welche die Entwicklung von zusätzliche Applikationen ermöglicht. Mit Maitre existiert bereits eine Anwendung zum Tracken der Anwesenheit von Coworkern in ihrem Space, die Anwendung Coworkers hingegen soll eine Art Verzeichnis aller Cowoker im jeweiligen Coworking Space bieten. Ich habe schon selbst ein paar Ideen für einige Anwendungen und werde mir das Ganze bei Gelegenheit näher anschauen. Da zur Authentifizierung OAuth2 verwendet wird, muss man seine Anwendung zu Beginn registrieren, der Rest erinnert an die Entwicklung von  Facebook-Apps. Ideal wäre es noch, wenn man als Entwickler die Möglichkeit hätte, Zugriff auf einen Dummy-Coworking Space mit ein paar Dummy-Benutzern als Admin zu erhalten, um seine Anwendungen auch in diesem Kontext entwicklen und testen zu können.

Neben der Erweiterung von Cobot mittels Apps steht auch die weitere Internationalisierung der Software auf dem Plan. Wer also weniger Programmiersprachen, aber dafür Fremdsprachen beherrscht, kann auch hier seinen Teil zu Cobot beitragen. Weitere Neuigkeiten über cobot sind regelmäßig im Blog zu finden.

3. Potentiale von Coworking
Hier stellte das von fünf auf drei Personen geschrumpfte Team des Projekts debuet die Projekte coagency und cociety vor. Ziel diesr Projekte soll es sein, die Kommunikation zwischen Coworking Spaces und Coworkern sowie zum Thema Coworking generell zu optimieren. Dadurch soll auch die Etablierung von Coworking vorangetrieben werden. Außerdem herrsche noch eine gewisse Anonymität in den Coworking Spaces, dieses Defizit soll mit dem Projekt cociety sowohl in den einzelnen Coworking Spaces als auch übergreifend ausgeglichen werden. Mit dem Projekt coagency sind hingegen andere Ziele verknüpft. Einerseits sollen u.a. Beratungsleistungen verkauft werden, andererseits sollen für Projekte von Unternehmen interdisziplinäre Teams in sogenannten innolabs von Coworkern bearbeitet werden.

In diesem Zusammenhang wurde auch die mögliche Entwicklung von Coworking in vier Szenarien kritisch beleuchtet, von denen jeweils zwei positiv und zwei negativ geprägt waren. Auch der Trend, einfache Bürogemeinschaften unter dem Schlagwort Coworking zu verkaufen oder als Business Center Adwords dazu zu schalten, obwohl man damit nichts zu tun hat, wurde kritisch hinterfragt. In manchen Coworking Spaces ist es wohl zudem üblich geworden, Coworker auch danach zu selektieren, ob diese dem Image des Coworking Spaces zuträglich sein könnten oder nicht, was mit dem Coworking-Pinzip der Offenheit ja eigentlich nicht zu vereinbaren ist. Die Anwesenden waren sich einig darin, dass man solche Entwicklungen in Sachen Popkultur und Trendsetting kritisch beobachten muss.

Doch auch kritischen Fragen nach dem Geschäftsmodell von cociety und coagency mußte das Team sich stellen, denn es kam mitunter die Frage auf, ob cociety nicht einfach eine Art Xing für Coworker wird, ohne eine vergleichbare Reichweite aufzuweisen. Der Vorteil von sogenannten Talk-Channels gegenüber Pinnwänden á la Facebook, Hashtags á la Twitter oder klassischen Forenstrukturen, hat sich mir bisher noch nicht ergeben. Vielleicht lag dies auch daran, dass diese in der Präsentation wie die Spalten in Tweetdeck anmuteten.

Eine Alpha-Version von cociety soll im Herbst verfügbar sein. Durch eine Zusammenarbeit mit Cobot ist es dann möglich, eine Einladung über seinen Cobot-Account anzufordern. Es wird zu einem großen Teil vom finalen Geschäftsmodell, der Struktur der Mitgliedschaften und auch vom Community Management abhängen, ob sich cociety bei den Coworkern durchsetzen wird oder nicht. Ich lasse mich da erstmal überraschen und ich hoffe, dass das Team auch zukünftig den Kontakt zu den Coworkern suchen wird, wenn es um den Start und die weitere Entwicklung der Plattform geht.

 4. Coworking Deutschland
In dieser Session ging es um die aktuelle Situation und die Zukunft von Coworking in Deutschland. An unterschiedlichen Tischen wurde in Form von Brainstormings erfasst, was an Coworking in Deutschland gut ist und funktioniert, was fehlt oder besser gemacht werden könnte und welche Ideen, Projekte und nächsten Schritte sich nun ergeben. Dabei kam auch zur Sprache, dass es wohl Zeit wird für eine Art Coworking-Verband oder sonstige Interessenvertretung, welche die Interessen der Coworking-Szene in der Gesellschaft vertritt. Hier müßte aber auch das Spannungsfeld zwischen Graswurzelbewegung und Kommerz berücksichtigt werden. Aufgaben dieser Interessenvertretung wäre beispielsweise die Entwicklung und Kommunikation von Produkten, eine Art Presse- und Anlaufstelle für alle, die sich, z.B. als Coworker, angehender Space-Betreiber oder Journalist, mit dem Thema Coworking beschäftigen. Eine weitere Aufgabe wäre die Dokumentation von Ergebnissen der Coworking-Treffen, damit nicht bei jedem Treffen grundlegende Aspekte neu erarbeitet werden müßten, so dass die Weiterentwicklung eine Beschleunigung erfährt. Natürlich dürfte es im Laufe der Jahre auch interessant sein, frühere Stände, den Weg und die mittlerweile erreichten Ziele nachvollziehen zu können.

Coworking DeutschlandGegen Ende der Session präsentierte Peter Schreck von Coworking Cologne noch die Coworking Card, die ab August erhältlich sein soll. Damit soll man in sechs Städten jeweils zwei Tage günstig coworken können. Dabei werden Punkte abgestempelt und es wird im Aktionszeitraum von August bis Oktober wohl eine Verlosung daran gekoppelt. Nähere Informationen dazu werden sicher bald verfügbar sein.

5. Coworking Plus
In der Session Coworking Plus ging es um Aspekte, Möglichkeiten und Projekte, die mit Coworking verknüpft werden könnten. Ein Punkt war, dass man weitere Berufsgruppen für Coworking gewinnen sollte, um so auch die Etablierung voranzutreiben. Neben Studenten, die dort ihre Abschlussarbeiten schreiben, wären auch Lehrer eine interessante Zielgruppe, die in Coworking Spaces die Aufgaben ihrer Schüler kontrollieren können, ohne dafür zu Hause einen Arbeitsplatz bzw. ein Arbeitszimmer einrichten zu müssen. Auch Handwerker und sonstige Gewerbetreibende könnten in Coworking Spaces ihre Korrespondenz, Buchhaltung und sonstige Büroarbeiten in Ruhe erledigen. Neben Bildung und Weiterbildung kamen wir zu Themen wie (Social) Entrepreneurship, Sponsorings, Zugänglichkeit, Stadtentwicklung und Stadtmarketing, interne Währungen und gewerkschaftsartige Organisationen für (kleine) Selbständige zu sprechen. Alles in allem haben wir in der relativ kurzen Zeit sehr viele Aspekte und Themen besprochen, die im nächsten Schritt in Dokumenten bei Google Docs bereitgestellt und über die Facebook-Gruppen weiterentwickelt werden sollen.

Coworking Barcamp EndeDamit endete dann auch schon der inhaltliche Teil des Samstags und damit leider auch mein Aufenthalt, da ich am nächsten Tag noch ein paar Abeiten im Home-Office zu erledigen hatte, die ich wegen einer arbeitsbedingten Kurzreise am kommenden Wochenende vorziehen mußte. Ich werde die Entwicklung von Coworking in Wuppertal aber sicher weiter verfolgen und natürlich auch darüber berichten. Anni Roolf, ihren Kollegen und Mitstreitern wünsche ich, dass sie bald sowohl eine geeignete Räumlichkeit als auch sonstige Unterstützung, z.B. seitens der Stadt Wuppertal und der Wirtschaftsförderung, erhalten und dann auch in Wuppertal endlich Raum für Kreative, Freiberufler und Existenzgründer vorhanden ist, wo sie arbeiten, kommunizieren, ihre Ideen und Projekte vorantreiben können. Denn wer einen Strukturwandel will, z.B. von Industrie und verarbeitendem Gewerbe hin zu Existenzgründern, neuen Betrieben, Medienschaffenden und Kreativen, der muss dafür auch zunächst Strukturen schaffen, die deren Arbeit ermöglichen.

Resumee
Das erste Coworking Barcamp ist inzwischen Geschichte und ich denke, dass solche Treffen eine gute Möglichkeit bieten, den Austausch zwischen Coworkern, Betreibern von Coworking Spaces und allen an Coworking Interessierten zu fördern. Die Menge an Output, die erzeugt wurde, ist sehr groß und vor allem trifft man so auch mal Coworker aus allen Ecken Deutschlands.

Es sind viele neue Ideen entstanden, Projekte und Aktionen angestossen worden, die weiterhelfen können, Coworking in Deutschland ins Bewußtsein der breiten Masse zu bringen. Vielleicht wird es in wenigen Jahren schon ganz selbstverständlich sein, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern neben HomeOffice-Tagen auch Coworking-Tage anbieten, die sie zum Austausch mit anderen Experten und der Bearbeitung von Projekten jenseits der etablierten Unternehmensstrukturen nutzen können. Möglicherweise gibt es dann auch schon in jeder größeren Stadt mindestens einen Coworking Space, der allen frei arbeitenden Menschen offensteht und Veranstaltungen bietet, die sowohl für die Wirtschaft als auch für die Bevölkerung der Umgebung interessant sind. Ich selbst habe früher als Trainer für IT-Seminare häufiger das Problem gehabt, bezahlbare und halbwegs zentral gelegene Räume für  Seminare zu finden. Das hat sich seit der Existenz von Coworking Spaces erledigt. Es gibt viele Arbeiten, Veranstaltungen und sonstige Ideen, die vor allem eines brauchen: Raum, in dem sie entstehen, sich entwickeln und wachsen können, praktisch eine Art “Jedermann-Raum”. Genau dies bieten Coworking Spaces und sie sind daher für viele Städte auch eindeutig  in mehrfacher Hinsicht ein Gewinn.

Ich würde mir wünschen, dass solche Events wie das Coworking Barcamp mit regionaler oder bundesweiter Ausrichtung regelmäßiger stattfinden. Hier wären Meetups eine gute Idee, um Coworker, Space-Betreiber und Interessierte in Kontakt zu bringen und vor allem auch zu halten. Das Thema Coworking muss regelmäßig in Gesellschaft und Medien zirkulieren und auch der Nachwuchs muss verstärkt angesprochen werden, z.B. an den Universitäten und Fachhochschulen, aber auch bei den Arbeitsagenturen, Industrie- und Handelskammern. In Zeiten, wo Endlosschleifen in unbezahlten Praktika für Absolventen, unsichere Zeitverträge, Zeitarbeit und McJobs für Facharbeiter noch immer Verbreitung finden, ist es in jedem Fall wirtschaftlicher, sich selbst auszubeuten und dafür frei über seine Zeit und Arbeit verfügen zu können als sich von Dritten ausbeuten zu lassen und dafür auch noch seine rudimentäre Freiheit zu verlieren.

Im Jahr 2006 veröffentlichten Holm Friebe und Sascha Lobo ihr Buch “Wir nennen es Arbeit” über die digitale Boheme mit dem Untertitel “Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung”. Heute sieht es hingegen oftmals so aus, dass die Tendenz zur Prekarisierung eher in Festanstellungen zu finden ist und nicht bei den Freelancern – sofern sie entsprechend qualifiziert sind, ein gutes Selbstmarketing betreiben und das Verhältnis von Brotjobs und eigenen Projekten im Auge behalten. Coworking scheint der erste Schritt auf dem Weg zu sein, dass nicht mehr die abzusitzende Arbeitszeit, sondern Arbeitsergebnisse gekauft werden, unabhängig davon, wann und wo diese produziert werden.

In diesem Zusammenhang erlaube ich mir die Anmerkung, dass es vielleicht auch eine Überlegung wert wäre, Coworking Spaces zumindest auch am Samstag regulär zu öffnen. Denn häufig ist der Übergang zwischen Festanstellung und selbständiger Arbeit ein fließender, d.h. es wird nach Feierabend, an Wochenenden und Feiertagen an den Projekten gearbeitet, welche die selbständige Arbeit ermöglichen und absichern sollen.

Weitere Gedanken zu den Ergebnissen des Coworking-Barcamps werde ich im Laufe der nächsten Tage hier veröffentlichen.

About coworker

Bloggt über Coworking unter www.coworkingszene.de
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