Nach einer längeren Pause mal wieder ein Artikel zu diversen Aspekten von Coworking, die ich für 2012 für aktuell und interessant halte. Dabei geht es um meine ganz persönliche Sicht der Dinge und Themen, die sich u.a. aus Gesprächen mit Kollegen ergeben haben. Und genauso sind sie zu betrachten, als persönliche Ansichten.
1. Öffnungszeiten / Tickets
Gerade von Kollegen, die festangestellt arbeiten, aber entweder zusätzlich selbständig sind oder neben dem Job ein Startup planen, kam in der Vergangenheit immer wieder die Frage nach den Öffnungszeiten von Coworking Spaces ins Spiel, sowohl werktags als auch an Wochenenenden. Wer dem Job als “9to5″-Veranstaltung den Rücken kehrt und dann damit konfrontiert ist, dass viele Coworking Spaces vorrangig zwischen 9 und 18 Uhr regulär geöffnet sind, der ist dann erstmal mindestens erstaunt. Soll das etwa die neue Freiheit sein? Und nicht jeder braucht ein Monatsticket, wo er optional 24/7 Zugang hat, dann arbeitet er die paar Tage je Woche oder Monat eben lieber im Home Office. Genauso der hauptberufliche Angestellte, der bis 16 oder 17 Uhr in seinem Hauptjob sitzt und dann im Coworking Space ankommt, wo er oftmals noch nicht einmal ein passendes Ticket für die 3-4 Stunden findet, die er dort noch zubringen würde – sofern die Öffnungszeiten dies überhaupt zulassen. Ein Tagesticket ist für solche Leute unsinnig, da kann man sich auch für 3-4 h in ein halbwegs ruhiges Café mit WLAN setzen, wo es dann auch unproblematisch ist, wenn er eine Stunde später fertig wird.
Wie schaut es an den Wochenenden aus? Oft genug leider genauso dürftig wie in den Abendstunden. Der 24/7 Zugang ist meist nur Monatsmietern möglich, ein regulärer Betrieb findet samstags und sonntags nicht statt. Dabei wäre genau dies der beste Weg, neue Leute und somit frisches Blut in die Spaces zu locken, vielleicht sogar in den ersten 1-2 Stunden mit Frühstück oder Brunch gegen einen entsprechenden Unkostenbeitrag. Auch hier wird meines Erachtens Potential verschenkt, die Coworking Spaces besser mit den Akteuren der “alten” Arbeitswelt zu vernetzen. Genau dies ist aber ein in meinen Augen sehr wichtiger Faktor bei der Verbreitung dieses neuen Arbeitsmodells.
Die Betreiber von Coworking Spaces sollten daher ihre Öffnungszeiten und ihre Ticketstruktur überdenken. Damit wäre natürlich auch der Umstand verbunden, dass man die Betreuung im Space in mindestens zwei Schichten aufteilt. In meinen Augen wäre es prinzipell sinnig, wenn vermehrt Coworking Spaces mindestens ein Zeitfenster von 9 bis 21 Uhr als reguläre Öffnungszeit anbieten würden. In diesem Zusammnhang wäre eine Stückelung von Tages- und Mehrfachtickets in Einheiten zu je 4 Stunden sinnig, alternativ zumindest die Einführung von Halbtagstickets. So würden vielleicht auch eher wieder diejenigen morgens im Coworking Spaces sitzen, die nachmittags zu Terminen in Agenturen oder Redaktionen unterwegs sind und die erwähnten Angestellten mit selbständigem Nebenjob bzw. in nebenberuflichen Startup-Vorbereitungen könnten die Coworking Spaces in den Abendstunden nutzen. Die Wochenenden könnten hingegen gezielt genutzt werden, um Arbeitnehmern und Anhängern des Home Office erste Kontakte mit der Coworking-Welt zu ermöglichen, aus denen dann mehr entstehen kann.
2. Zuviel Esoterik wirkt unseriös
Mit der Esoterik ist das so eine Sache. Manche mögen diversen Firlefanz und merkwürdigen bis lächerlichen Budenzauber unterschiedlichster Art, andere hingegen schreckt so etwas ab. Es ist sicher kein Problem, wenn man Dinge wie Meditation, Entspannungstechniken, Rückentraining oder generell gymnastische Übungen für Bildschirmarbeiter anbietet. Wenn aber Veranstaltungen angeboten werden, deren Titel bereits ähnlich “seriös” wie Titel von Werbeveranstaltungen für Anbieter von Multilevel-Marketing, Heizdecken und Magnet-Armbänder klingen, dann sollte man aufpassen, dass man sich nicht vor Karren spannen läßt, die einem langfristig eher schaden. Denn im Gegensatz zu den üblichen Anbietern von Seminarräumen werden Events in Coworking Spaces auch eher als eine Art Empfehlung verstanden. Dies bedeutet dann aber leider auch, dass dubiose Esoterik-Veranstaltungen negativ auf den jeweiligen Space abfärben können.
3. Organisation und Interessenvertretung
Oftmals habe ich den Eindruck, dass unterschiedliche Gruppen von Coworkern eigentlich an den gleichen oder ähnlichen Baustellen arbeiten, aber nichts voneinander wissen. Dadurch geht sehr viel Potential einer wirklichen Kollaboration verloren und zusätzlich wird Zeit für redundante Arbeiten / Projekte aufgewendet.Vielleicht sollte man da erstmal für eine Optimierung der Kommunikation sorgen, bevor man sich allenthalben Kollaboration auf die Fahnen schreibt.
Ähnlich sieht es mit der Öffentlichkeitsarbeit und Interessenvertretung aus. Hier kocht bis heute jeder Coworking Space sein eigenes Süppchen, selbst regional gibt es zwar Kommunikation untereinander, aber in der Regel keinen gemeinsamen Presse-Verteiler oder andere Tools zur Öffentlichkeitsarbeit. So fällt es natürlich schwer, einerseits eine breite Öffentlichkeit für Termine und Events zu erhalten, andererseits bleibt so auch die gemeinsame Interessenvertretung auf der Strecke. Selbst wenn Umfragen unter Coworkern ergeben haben, dass diese am ehesten eine nationale Coworking-Organisation unterstützen würden, was für einen Coworking-Verband als Interessenvertretung spräche, gibt es auch bei diesem Thema schon wieder anderweitige Überlegungen, die letzlich aber vermutlich auch nur dazu führen werden, dass das Thema noch lange unbearbeitet bleiben wird – oder man noch lange nach optimal tanzbaren Namen für eine solche Organisation sucht…
4. Die “Free Coworking” Hysterie
Seit einiger Zeit gibt es seitens CoworkingNews einen Hype mit dem Kampfbegriff “Free Coworking”, also kostenlosem Coworking. Dazu gibt es auf CoworkingNews auch schon zahlreiche Beiträge samt entsprechender Verlinkungen in so ziemlich allen Coworking-Gruppen auf Facebook, die vor allem davon zeugen, dass das Verhältnis von Euphorie – wenn nicht gar schon Hysterie – und Konzepten ein anti-proportionales ist. Da gibt es dann mitunter so clevere Beiträge mit einem Tenor wie dass man ja z.B. nur zu sagen habe, dass man kostenloses Coworking haben will. Die Fragen diverser Diskutanten werden wahlweise mit Links auf die entsprechenden Artikel bei CoworkingNews abgebügelt oder mit dem Hinweis, dass die Fragenden oder Kritiker das – bis dato offenbar noch nicht vorhandene – Konzept von “Free Coworking” nicht richtig verstanden hätten. Das geht selbst gegenüber Betreibern von Coworking Spaces so weiter und ob dies ein gangbarer Weg zu dem gewünschten Ziel ist, wage ich zu bezweifeln.
Aber man ist ja auch als Coworker realistisch genug, verschiedene mögliche Modelle vorwegzunehmen. Nimmt man beispielsweise an, dass Unternehmen Arbeitsplätze für Coworker frei zur Verfügung stellen, so ist da ganz klar der mögliche Verlust der Unabhängigkeit ein herausstechendes Merkmal. Weiterhin könnte es passieren, dass Unternehmen auch nur solchen Coworkern entsprechende Plätze gewähren, welche zur Branche und zum Arbeitsbereich des jeweiligen Unternehmens passen. Damit wären so Dinge wie generelle Offenheit von Coworking Spaces, unterschiedliche berufliche Hintergründe, der Austausch und Synergien, die sich dadurch ergeben können, schlichtweg Geschichte. Das Ganze wäre unter dem Strich nichts anderes als ein potentieller Freelancer-Pool für das Unternehmen, dem man zufällig noch einen Platz zum Arbeiten finanziert.
Was bleibt also? Eine Organisation aus den Reihen der Coworker? Wohl kaum, denn schon die Coworker der unterschiedlichen Spaces kennen sich meistens nicht, oft genug kennt man auch nicht einmal alle Coworker im eigenen Space. Zwar kann man dann schwadronieren, dass man eine “Plattform” á la Facebook für die Coworker haben will und daraus auch wieder krude Gedankengänge ableiten, aber mal ehrlich: In wie vielen sozialen Netzwerken und Communities soll man denn noch aktiv sein? Und soll man zukünftig seine eigentliche Arbeit erledigen oder für “Free Coworking” arbeiten, wo im Logo die größten Buchstaben nur “Free Work” verkünden, also Arbeit, die man kostenlos für diese Kampagne erledigen soll?
So erstaunt es auch nicht, dass man sich zunächst auf das Sammeln von Daten beschränkt. Allerdings nicht auf das Sammeln von Daten über kostenlose Coworking-Konzepte wie Seats2Meet in den Niederlanden und deren Adaptierbarkeit an hiesige Bedingungen, sondern auf das Sammeln von personenbezogenen Daten mit Hilfe eines “Skill Sharing”-Tools via Google Documents, wo sich bisher ganze 17 Leute eingetragen haben. Offenbar haben die meisten Coworker doch andere Dinge zu tun als sich um “Free Coworking” zu kümmern und preisen die Kosten des Coworking Spaces lieber einfach in ihre Stundensätze ein.
Nicht zuletzt dürften viele Coworker bereits in branchenspezifischen Organisationen Mitglied und ggf. auch aktiv sein, da man sich ja in erster Linie als Designer, Entwickler, Berater oder was auch immer versteht und erst danach als Coworker. Denn “Coworker” ist lediglich ein Attribut, aber nicht der Kern der eigenen Tätigkeit. Gäbe es Coworking nicht, würde man eben in einer Bürogemeinschaft, im Café, im Home Office oder in den Unternehmen der Kunden sitzen und dort seine Arbeit erledigen.
Der einzig gangbare Weg wäre es somit also, Coworking als öffentliche Dienstleistung zu etablieren. Ich habe ja in früheren Artikeln auch schon darüber nachgedacht, ob Coworking Spaces nicht auch als eine Art Gemeindezentrum fungieren könnten. Andere Modelle sehen mehr oder weniger freie Coworking Spaces eher im Umfeld von Universitäten, Fachhochschulen und Volkshochschulen. Aber selbst bei Coworking als öffentliche Dienstleistung gäbe es Risiken, nämlich beispielsweise die spontane Einstellung dieser Dienstleistung, wenn mal wieder der Haushalt der jeweiligen Kommune schlecht aussieht und gespart werden muss.
Wie dem auch sei, am Ende des Prozesses wird wohl wieder die Erkenntnis liegen, dass es im Leben unter dem Strich nichts kostenlos gibt und man immer auf die eine oder andere Weise bezahlt – im Falle eines Modells mit Coworking als öffentliche Dienstleistung zahlt man letztlich auch über seine Steuern. Ob ein Vergleich von kostenlosen Äpfeln mit kostenlosen Birnen… ähhh… Coworking Spaces da wirklich Sinn macht, wird die Zeit zeigen. Ich habe da berechtigte Zweifel, aber man wird ja sehen, ob “Free Coworking” ein Hype bleibt oder ob es wirklich funktionierende Konzepte dazu geben wird.
5. openboox
Zum Jahresende / Jahreswechsel war es um dieses Projekt etwas ruhiger geworden, aber das hatte vorrangig mit einer monströsen Arbeitsauslastung zu tun. Das Projekt ist nicht tot, sondern befand sich nur in einem kurzen Winterschlaf. Zwischenzeitlich wurde auch schon die Website aktualisiert, wo es neben aktuellen Infos auch diverse Dateien zum Download gibt, und der Versand geht jetzt weiter. Im Hintergrund laufen noch Anfragen und Verhandlungen mit weiteren Verlagen und möglichen Sponsoren. Darüber hinaus entstehen bereits neue Ideen aus der Verknüpfung des Buch-Themas mit Coworking Spaces und Coworkern, welche in den nächsten Tagen etwas klarer werden dürften.
